Ruth Gast : Die Werke aus Sicht der Künstlerin
Ruth Gast : Die Werke aus Sicht der Künstlerin

 

 

Das Qi erwacht 2019 91x116cm

 

Das Qi , die Lebensenergie , wird hier durch eine  Qigongübung erweckt . Die zentrale

Person macht aufwärtsgerichtete- , die linke Person abwärtsgerichtete Armbewegungen .

Die Meridiane werden durch solche Übungen ins Gleichgewicht gebracht . Der Mensch 

kommt in Einklang mit sich und der Natur - dargestellt durch die Landschaft , den zarten

Käfer und das alarmierte hundeähnliche Tier rechts . Alles geschieht durch harmonische , 

fliessende und sehr langsam ausgeführte Bewegungen . Ein Haus droht zu zerbrechen ,

ist stark verzerrt : die problematische Wohnsituation zur Zeit der Entstehung dieses Werks .

In den grünen Wolken ein Schiff - Hinweis auf die Vergangenheit der Künstlerin , die 

als Kind oft auf einer Insel  untergebracht war , so dass ein Ortswechsel immer mit einer

Schifffahrt verbunden war . 

 

 

Die dünne Haut 2015 109x82 cm

 

Das Bild mit hauttonfarbigem Untergrund zeigt eine

weinende Frau und drei Wesen in Bewegung , eins

davon in direktem Kontakt zur Traurigen , die sich

selbst schützend umfasst . "Eine dünne Haut Haben" ,

sich nicht gegen die Umwelt abgrenzen Können :

dies verletzt und macht traurig . Die Kinder im Krabbelalter

versuchen , sich vorzutasten : in eine achtsamere Welt ?

Das Kleinkind links durchbricht dabei eine Art Membran .

Und das ältere Kind richtet sich bereits etwas auf , wirkt

wie ein erstarrtes Reh , das lauscht - doch wie : ohne

Ohren ? Am äussersten Rand rechts oben ein Wacht -

posten , der jedoch verloren erscheint und seine

Aufgabe nicht richtig erfüllen kann . 

 

 

Die Souffleuse 2015 124x80cm

 

Wir alle kennen den Augenblick , wenn wir unseren

eigenen Worten nicht mehr trauen und lieber auf die

eines anderen Menschen hören . Das ist im Theater

beruflich manifestiert durch Souffleusen , die früher

im Kasten sassen wie auf diesem Bild . Die Schauspie-

lerin hat gerade einen Aussetzer , hinten der Kollege

in der Zwangsjacke ist ebenso handlungsunfähig und

stumm blicken von zwei Seiten die Zuschauer in den

Bühnenraum , wo solche peinlichen Momente die Szene

beherrschen . Doch die Souffleuse schafft Abhilfe .

Was wäre gewesen , hätte die Schauspielerin ihrer

eigenen inneren Stimme gelauscht und wäre ihr gefolgt ?

Sie scheint belustigt und nicht recht bei der Sache .

Es ist das Nebeneinander von unterbewussten Ideen und

dem , was alle hören wollen , ohne in Verwirrung zu geraten ,

was dieses Bild anspricht .

 

 

Läuferherz 2014 100 x 108 cm

 

Eine Familienszene im Innenraum lässt uns darauf spekulieren , dass die

Läuferin in den altmodischen Sprinterhosen alsbald den Raum auch wieder

verlassen wird , hinaus durch die bereits geöffnete Haustür in den Garten .

Sie umfasst ihren Brustkorb wie in Sorge um ihr Herz , die linke Hand 

bedeckt die Stelle , an der ihr  in späteren Jahren ein Herzschrittmacher

eingepflanzt werden soll . Doch ist sie nicht aufzuhalten , lacht und bleibt

in Aktion . Wie ein gegensätzlicher Ausgleich verharren alle anderen Personen

wie atemlos und auch in Sorge um die Läuferin , und nur die beiden

Spielzeugmäuse treiben am Boden ihr Unwesen , ungeachtet der direkt 

benachbarten Katze , die aber eh auch ihre Augen auf die Läuferin gerichtet

hat  . Zentrum des Szenarios ist die alte Frau , etwas entrückt und artig lächelnd ,

im Sessel , den die hinterste Person an der Lehne umschlossen hält .

Die Katzenreiterin links aber hält eine Maske , die sie gerade erst abgenommen

hat und bleibt in balancierender Position auf der Katze .

Dargestellt sind drei Generationen von Frauen und ihr Verhältnis zueinander .

 

 

 

Igelkind 2013 90 x 90 cm

 

Gregor Samsa wird in einer Kafkageschichte zum Käfer . So erlebt sich das

Igelkind ob der schrecklichen Geschehnisse daheim auch wie ein Insekt ,

eine Verpuppung , ein kleines Monster , denn in dieser Gestalt trägt es

die Hässlichkeit der anderen in sich und muss nicht sehen , dass es

die anderen sind , die verantwortlich sind . So gibt es aber auch das

eigentliche Kind , und das weiss wohl , was geschah und streichelt den Igel ,

der wundersamerweise nicht mehr sticht . Die Frau mit dem mexikanischen

Hut kümmert sich indes um die Verwandlung und wir erwarten , dass sie

sie demnächst in einen OP-Saal schiebt . Das Interieur besteht aus Frag -

menten der Dachgeschosswohnung samt vergitterter Flurlampe, in der

das Igelkind einst zu Gast war , reicht jedoch nicht bis zum äussersten

Bildrand , wo wir stattdessen einen strauchbewachsenen Hintergrund

ausmachen können . Das Grundstück scheint zugewachsen , der Fluchtweg

ist sozusagen versperrt , doch wissen wir nicht , wie es hinter den Mauern

weitergeht .

 


 Seefahrerin 2012  104 x 129 cm
 

Ein innerer Wesensanteil , der für Heilung steht und hier als eine Art Sindbad

im Matrosenhemd in einem Boot als Büste fährt , trägt uns durch die Szenerie,

die mit Erinnerungen aus meiner Kindheit operiert .

Ein Patriarch , halb singend , halb verkündigend , schwebt in einem Talar über

dem Horizont des Meeres , während Sindbad die Düfte aus dem Topf der sich

verbeugenden, asiatisch anmutenden Köchin in die Nase steigen.

Im Hintergrund eine fleischfarbene Treppe, die direkt ins Meer mündet: willst Du

fliehen , gibt es keinen festen Boden mehr unter den Füssen.

Durch das Medium des wasserlöslichen Acryls wirkt das Bild fliessender als reine

Ölbilder , passend zum Meer , aber auch zur Transzendenz der Dargestellten ,

die wie (fast) immer auf meinen Bildern miteinander in Verbindung stehen, ohne

sich anzusehen .

Ich tendiere dahin, die Personen mit Öl und deren Umgebung mit Acryl anzufertigen, 

entsprechend der räumlichen Wirkung dieser Farben : Öl wirkt erdverbundener, tritt

auf gewisse Weise in den Vordergrund, Acryl wirkt luftig oder auch fliessender

und ist farbintensiver , dies jedoch auf eine sehr vordergründige Art .



 

 

Manna 2008 90x120cm

 

Als das Manna vom Himmel fiel : diese Vision einer biblischen Geschichte benennt das Bild , in dem

es um die Vergangenheitsbewältigung der gebeutelten Widderfrau links unten geht . Karg scheint

ihr Leben , zusammengekauert und in beengter Sitzhaltung das eine Bein übers andere gelegt ,

so dass sie so schnell nicht aufstehen kann . Eine übermächtige therapeutische Blonde versucht 

Abhilfe zu schaffen . Ihr Trikot trägt die Wellen ihrer Institution : Wildwasser . Während die 

schüchterne weisse Katze im Hintergrund sich schamhaft herumdrückt , lauern handfeste

Aggressionen in der Frau mit Gewehr , die sich nicht solidarisiert aber auch nicht verdrückt .

Die Nonnenzunge und der Rachen des Ungeheuers recken sich der Mannafütterung 

entgegen . Doch die Widderfrau wartet wohlmöglich nur auf den Moment des Aufbruchs ,

denn schon spriessen die Blumen hinter ihrem Sitz und verkünden das Erblühen neuen Lebens .